Lorenz Filius, Ein Zauderheld am Bungeeseil

 

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Am Bequemsten agiert Tobias Luderich aus der Sicherheit seiner eigenen vier Wände heraus. Unwägbarkeiten sind ihm ein echtes Gräuel und Wagnisse allein in Gedanken erträglich. Mit Unverbindlichkeiten versüßt er sich das Leben, es sind vage Gedankenkonstrukte, die etwas in ihm bewegen, ohne ihn selbst in Verantwortung zu nehmen.

Oft dachte ich in "Nein-Kategorien", die beim konsequenten Einhalten wieder neue Gedankenkarusselle anleierten, um mich mit der Legitimität meiner Haltung zu konfrontieren.

Eine biografische Reifeprüfung hat der Romancier Lorenz Filius unternommen und eine Figur erschaffen, deren übermächtige Neigungen zu exzessiver Bekümmerung, Hypernervosität und Griesgrämigkeit ihresgleichen suchen. Eine Berg und Talfahrt durch die Psyche eines hypochondrisch veranlagten Mannes, eine Tour de Farce zwischen Paranoia und "Pampuschigkeit". O ja, für seine Vorstellung eines trauten Friedens ersinnt der Hauptakteur kurzerhand die passenden Begriffe, die seiner Gemütlichkeitssucht am ehesten gerecht werden. Sein Zauderheld taumelt nicht unkalkulierbar durch das Leben wie ein zweiter Forrest Gump. Er gibt sich nicht lässig dem Sound der Einsamkeit hin zu den Klängen eines quietschenden "Soloalbums". Auch zieht er keine endlosen Folgen von groteskem Wahnwitz nach sich wie Irwings "Garp". Nein, seine Stärke liegt in der hautlos ehrlichen, gezielt selbstironischen Verkörperung eines Jedermanns. Des wenig zugänglichen, eigenbrötlerischen "Zauderhelden am Bungeeseil", eines Egomanen auf Abwegen. Eines Antihelden, dessen notorisches Festhalten an scheinbaren Sicherheiten dem Leser - dank Filius´ Gespür für Situationskomik - ausgerechnet Verständis und Sympathie entlockt! Denn all den offenkundigen Makeln seines Protagonisten zum Trotz (oder gerade deshalb), gelingt es Filius, aus den banalen Aspekten des Daseins ein menschliches Schicksal zu weben, doch frei von falschem Pathos und Augenwischerei. Nahe und unumwunden führt er den Leser an das alltägliche hausbackene Dilemma heran, sodass sich jeder von uns - auf die ein oder andere verblüffende Weise - darin zu spiegeln vermag. Wir begreifen das fortwährende Kopfzucken des Tobias als Symbol eigener Marotten. Seine Unschlüssigkeit ruft unweigerlich eigene Trägheit ins Bewusstsein. Gemütliche Abende in der trauten Stube werden als verinnerlichte Lebensgrundlage entlarvt. Vermeintlich unscheinbare Episoden formen die Lebensgeschichte eines Mannes, dem nur seine abgegrenzte Welt die ersehnte Geborgenheit verspricht. Derweilen kreist um ihn - in sicherer Entfernung wohl gemerkt - ein weibliches Dreiergestirn namens Sabine, Simone und Susanne. Jedoch wäre seine Geschichte weniger kontrastreich, würde seine Welt nicht eines Tages von einem höchst "unpampuschigen" Ereignis erschüttert.

"Tu einfach das, was du wirklich willst, dann läuft es schon richtig. Ansonsten läuft es auch, aber vielleicht an dir vorbei", lautet der Rat von Simone.

Mit diesem Roman ist Lorenz Filius ein befreiender literarischer Wurf gelungen, ein mutiger Sprung von der schwindelnden Höhe psychischer und doch höchst menschlicher Befangenheit. Die nervösen Kapriolen des verunsicherten Geistes auf diese wunderbar amüsante Weise festzuhalten (und das mitten im Loslassen), erweist sich als ein Unterfangen, das den allerwenigsten Literaten gelingt. Diesem Antihelden wird ein Platz unter den Romanfiguren der Weltliteratur zugewiesen. All jenen Charakteren, die eine Andersartigkeit besitzen und ihre Schwächen aufzuzeigen vermögen. Die bereit sind, ihre Unzulänglichkeit und auch ihre Verwundbarkeit einzugestehen - umzuwandeln in einen glaubwürdigen Wesenszug.

 

Peter Pitsch

 

Lorenz Filius, Zeitgerafft

 

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Die Blüte als Farbtupfer in zerissenem Grau, ringsum herrscht nichts als beschleunigte Zeit, kaum ein Atemholen beim Sturz durch die diffusen Tagesabläufe.

Ein Buch verfasst in dem Bewusstsein, dass nur wenige diesen Prosaminiaturen Beachtung schenken werden und letztendlich eine noch geringere Zahl bereit sein wird, den psychologischen Herausforderungen zu folgen. Ein Werk demnach, dessen Erstellung ungeachtet des gängigen Konsensus, Sprache auf das Niveau knapper und knappster Phrasen zu reduzieren, an sich schon seine Bewandtnis aufzeigt. Sowohl die innewohnenden Botschaften und gedanklichen Umkehrschlüsse als auch die in jedem Satz scheinbar rätselhaft formulierten Erwägungen ob des geistigen Daseins als solches, fordern eine Bewegung über statische Gedankenmuster und -schablonen hinaus. Und so legt der Autor zum Geleit wie einen Wegweiser sogleich die Spur ins Ungewöhnliche: Durch-Denken birgt ein Stückchen Kraft, die Um-Denken mehr Raum verschafft. Denn absolut und von vorderhand bestimmt ist die Welt um uns herum bei weitem nicht, und das Aufblitzen des Erkennens inmitten unserer Gedankenstarre lässt begreifen, wie unangemessen selten die eigene Befindlichkeit sich als Egozentrik entlarvt und ein Überschreiten eingeübter Gehirnfunktionen gestattet.

Als endgültige Ansicht von fremder Hand dorthin gebannt, entblößt ein Projektor den Stillstand an der Wand. Die rückwirkende Kraft dieser prosaischen Miniaturen schafft in der Tat neue gedankliche Assoziationen und fesselt den Leser eben dort, wo an der Grenze zwischen Überraschungsmoment und alltäglich-funktionierender Wahrnehmung Raum für eigene Interpretationen entsteht. Eine Form der Besinnung, die nicht mit Lametta behangenen Klischees hausieren geht, vielmehr echte Perspektiven erzeugt, die von verkümmerten Ahnungen befreit sind und höchst eindringliche Forderungen an den Geist stellen.

Auch in dieser Textsammlung, nein, gerade in Lorenz Filius´ "Zeitgerafft" kommt die Frage nach Ursache und Wirkung zur Geltung, welche der gewohnten Kausalität des Erlebens sinnreich gegenüber steht. Wie gründlich sind wir eingenommen von unserer persönlichen Vorstellung von dieser Welt anstatt sie jeden Tag aufs Neue zu entdecken? Folgerichtig (was soll das bedeuten, die "richtige" Folge?) schließt sich die Überlegung an, ob der Autor seiner Zeit wohl um Lichtjahre voraus ist, oder ob er hier und jetzt als Singularität kaum besteht, obwohl die Relativität darin im Kern seiner Bedeutung überdauert. Ja, mit so einer Beschaffenheit von philosophisch durchwebten Kurztexten sieht sich der "moderne Konsument" bei der Lektüre konfrontiert. Zumindest jener Leser, der angesichts all der vor und zurückgeworfenen Reflexionen des Geistes nicht zurückschreckt und sich im Rückzug beruft auf die einfachste aller Lösungen. Jene, die unsere Unwissenheit zur Tugend gerinnen lässt, der Gewöhnung.

 

Peter Pitsch

 

Jack Kerouac, Unterwegs

 

Die magische Frequenz.

Ich las Texte, darin folgte hinter jedem dritten Wort ein Punkt, der mich jäh ins Stocken brachte, aus voller Absicht, auf dass ich die Begriffe in ihrer vielfältigen und psychologisch hintergründigen Bedeutung erfasste. In dem Roman "Unterwegs" dahingegen fließen die Gedanken des Schriftstellers Jack Kerouac schier ungebändigt und spontan, sprudelnd vor Einfallsreichtum und assoziativ über die Seiten ins pure Leben hinaus. Und sie hinterlassen wilde, zufällig sich kreuzende Spuren in der Gemütslandschaft des Lesers, sie werfen den Blick über die Banalitäten des Gewohnheitsdenkens hinaus, sie stoßen an den Zenit einer ungebrochenen Euphorie und wirbeln sogleich dem nächsten lebensbejahenden Sog unzähliger Ideen und Hoffnungen hinterher. Jack Kerouac ist kein langweiliger, zur Passivität verurteilter Beifahrer, der umgeben von vitalen und abenteuerlustigen Gestalten mit stiller Feder seine introvertierten Beobachtungen registriert. Sein Lebensgeist saust selbst mit hundert Sachen ungestüm durch das kontinentale Geschehen eines Amerikas im Aufbruch, die Augen manisch aufgerissen vor blankem Erstauen, die Antenne seines Gewahrseins bis in den gigantischen Himmel ausgefahren. Aus der reichhaltigen Flut vorbeirauschender, dicht gestaffelter Begebenheiten destilliert Kerouac Augenblicke zu überraschend poetischen Botschaften. Die Nähe zum Leben ist seine Kraft und sein Motor wird pausenlos von der Sehnsucht nach Erkenntnis und dem jugendlichen Gestus des Rebellen angetrieben. An jedem neuen Meilenstein der Geschichte empfängt seine empathische Beobachtungsgabe eine nahezu magische Frequenz, die seinem eigenen Lebensweg eine universelle Richtung verleiht. Aus den gedanklichen Errungenschaften flackert das existentielle, das verzehrende Feuer des traurig-schönen Dichters. Ebenso wahnwitzig und heiß wie die Auspuffflamme des wuchtigen Hudson - jenes Gefährts, das vor langer Zeit eine Schar junger amerikanischer Draufgänger quer durch das sagenumwobene weite Land der USA transportierte. 

 

Peter Pitsch

 

Georges Raillard, Der Lauf des Amazonas

 

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Bizarre Perspektiven.

Allein der Name bewirkt ein Eintauchen ins Mysterium des Unerschöpflichen und des Fremdartigen, Amazonas. Bewusst kurze, unvorhersehbare Geschichten sind es - Momente der Überraschung -, die uns an jeder neuen Biegung erwarten, während wir Zeile für Zeile dem Lauf des Erzählflusses folgen. Getragen von Wörtern, die über dunkelste Seelentiefen ins Ungewisse, ins Seltsame führen, um dem perplexen Leser ein ums andere Mal beunruhigende Perspektiven des Daseins zu eröffnen.

Der Titel des Buches, Der Lauf des Amazonas, dient lediglich als allegorischer Aufhänger, als Vehikel für das Erreichen einer auf dem ersten Blick alltäglichen Ausgangssituation, in zumeist vertrauter Umgebung. Jählings jedoch kippt diese vermeintlich harmlose Beschaulichkeit über den Rand des Banalen und stürzt den Leser durch einen Riss im eigenen Wahrnehmungsfilter. Ein Spiel mit den Erwartungen also: unversehens werden die anerlernten Schutzmechanismen aufgehoben und die gewohnte Kausalität des Erlebens aus der Verankerung gerissen. Die Frage nach Ursache und Wirkung springt aus dem Bodensatz der Surrealität - ähnlich der Impression eines abstrakten Bildes, dessen Doppelsinn sich beim zweiten Hinsehen plötzlich erschließt.

Eine abwechslungsreiche Landschaft gilt es - mit wachsendem Interesse - zu umschiffen, eine Welt aus minimalen Metaphern, sich entfaltend auf der Ebene der Plausibilität, ehe jener Knick im Gefüge entsteht und einen Negativabdruck über das jeweilige Szenario wirft. Georges Raillards Lektüre hinterlässt Spuren, Abdrücke auf der Seele, ganz im Gegensatz zu einer seiner Figuren, denen er in der Prosa-Sammlung ein höchst individuelles Leben einhaucht. Ein Herr namens Kepfer, dessen Existenz verklingt, kaum dass er die Bühne seines Schöpfers betreten hat; doch seine Schritte klingen nach wie das Echo aus einem parallelen Universum, wo allen Dingen und Befindlichkeiten eine nahezu entgegengesetzte Bedeutung innewohnt.

Unter den sparsam bemessenen, dafür umso eindringlicheren Texten finden sich poetische Anschauungen von einer besonderen lebensklugen Güte:

Das Fliegen (des Pfeils) war zwar etwas Schönes: wie er mühelos, schwerelos durch die Lüfte schoss. Da hätte er sich fast allmächtig fühlen mögen. Vielleicht wäre es ja besser, er könnte vergessen, dass er gezielt worden ist: sorgfältig angelegt, langsam nach hinten gezogen, jäh losgelassen. Dahinfliegend verfluchte er den, der ihn abgeschossen hatte.

Am Ende der Lektüre fühlt man sich ein wenig wie dieser abgeschossene Pfeil, obschon der Leser die Richtung mit jedem neuen Umblättern wechselt, worin der eigentliche Reiz des vielschichtigen Werkes liegt. Anstatt Georges Raillard zu verfluchen, möchte man ihm danken für das kaleidoskopische Abenteuer weit jenseits des Amazonas, aber mittendrin im Verwirrspiel des menschlichen Geistes! 

 

Peter Pitsch 

 

E. Nadolny und M. Petersen (Hrsg), Reise:Genuss - literarisch-kulinarisches Europa

 

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Die große Resonanz.

Das fruchtige Fleisch einer Wassermelone ziert das Cover dieses Buches und deutet es an: in der achten Anthologie des Inselchenforums kommt weder der nach abwechslungreicher Literatenkost hungernde Leser noch der Liebhaber mannigfaltiger Kochkunst zu kurz. Alle Wege führen nach Rom, besagt ein altes Sprichwort, ein anderes will wissen, dass die Liebe allemal durch den Magen geht; der Weg, dem wir in dieser literarisch-kulinarischen Reise quer über den europäischen Kontinent folgen, führt vor allem durch die Herzen einer illustren Schar von Autoren, die mit ihren individuellen Erlebnissen kleine Welten eröffnen, an denen teilzuhaben dem Leser vergönnt ist. Dass nicht die jeweiligen Ortschaften anderer Länder, exotische oder längst erschlossene Gestade, im Mittelpunkt dieses bunten Geschichtenreigens stehen, sondern die höchst menschlichen Erfahrungen des einzelnen Reisenden - vom erzählenden Entdecker bis zum dichtenden Migranten -, dies empfindet man zusehends und mit jeder neuen Seite als Bereicherung des eigenen Lebens.

Entgegen der Mutmaßung, den Wirkungsstätten in der Sammlung aus prosaischen, poetischen und fotokünstlerischen Kleinodien könnten geografische oder gar inhaltliche Grenzen gesetzt sein, sieht sich der Leser im Zuge der Lektüre schnell eines Besseren belehrt. Die Anthologie "Reise:Genuss - literarisch-kulinarisches Europa" bringt uns die Welt an sich eine erfassbare Dimension näher, zeigt uns die Tiefe der Gedanken beim letzten Blick über Oslo und die Stationen einer Reise als Sinnbilder eines verinnerlichten Lebenslaufs.

Einmal mehr ist es der Herausgeberin Elfie Nadolny gelungen - diesmal im Zusammenspiel mit Marten Petersen -, eine ideale Mischung unterschiedlichster Autorinnen und Autoren für die Realisierung einer themenbezogenen Anthologie zu vereinen. Vierundzwanzig literarische Stimmen schließen sich bald mit humorvoller Leichtigkeit, bald mit breiter philosophischer Spannweite zu einem imposanten Geschichten-Chor zusammen. Sie rufen Gefühle ins Leben, die in der Herzkammer des Lesers nachklingen, entfalten Genüsse, die buchstäblich und auf vielfältige Art unseren Sinnen eine spürbare Resonanz entlocken.

 

Peter Pitsch

 

Elfie Nadolny, Inselchens Traum

 

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Nach jahrelangem Einsatz als Herausgeberin und Mitautorin einer Reihe bunt gemischter Anthologien, hat Elfie Nadolny "Inselchens Traum" wahr werden lassen und ihr ganz eigenes Büchlein der breiten Leserschaft überreicht. Ein Werk freilich, das bezüglich des sanftmütig verfassten Inhalts so zerbrechlich erscheint, als könne die kleinste Unachtsamkeit während der Lektüre, die geringste Missachtung seiner redlichen Intention schon Schaden anrichten. Die unverfälschte Qualität dieser zarten Textgebilde - erdichtet mit persönlicher, zumeist fabulierender Feder - bezieht sich aus einer elementar-kindlichen Vorstellungswelt. Schwebende Traumlandschaften sind es, die feine Stimmungen in sich bergen, die den unruhigen "Geist der Moderne" anrühren und sich dabei an den Ufern der Menschlichkeit und der Nächstenliebe orientieren. Das Unheil auszuklammern, für einen einzigen Augenblick der Besinnung auf schwerelose Stunden, dies ist Elfie Nadolnys literarisches Anliegen, während sie den Botschaften ihrer Träume nahezu unschuldige Perspektiven entlockt. Wo die Medien dem Unheil und der Zerstörung in geballter Form grenzenlose Räume schaffen, da sucht das gescholtene Individuum nach einer Ruhezone vor dem endlosen Ansturm und begehrt wortwörtlich ein Stückchen heile Welt.

Heimlich still und leise / Spielt nach alter Weise / Eine kleine Melodie / Und die vergess ich nie ...

All jenen Gemütern, die aus ihrer - ob nahen oder fernen - Kindheit noch ein Quäntchen Unschuld zu schöpfen vermögen, wird Elfie Nadolnys Sammlung metaphorischer Geschichten Freude und Zuversicht bereiten. Ihre kurzen Prosastücke sind versehen mit einer Handvoll eigener Gedichte und mit stimmungsvollen farbigen Fotografien ihres Mannes Klaus Nadolny. Auf diese Weise ist eine harmonische Insel aus erträumter Symbolik und tatsächlich gesichteter Schönheit entstanden, ein Atoll, das im globalen Medienchaos der Neuzeit gewiss nicht untergehen sollte.

 

Peter Pitsch

 

Arno Abendschön, Alle Männer sind Brüder

 

Der innere Widerspruch.

Frei von jeglicher Ornamentik umschließt die Buchhülle des kleinen Romans einen schnörkellos geradlinigen Erzählstrang. Der Titel "Alle Männer sind Brüder" weist jedoch auf den zugrunde liegenden Zwiespalt hin, welcher die seelische Befindlichkeit des Autors bei aller sachlichen Vorgehensweise im Stillen beutelt. Wo er immerzu um Korrektheit und Konformität bemüht ist, steht die Natur bedingte Homosexualität seines Protagonisten im krassen Gegensatz zu dem Wunsch nach linearer, durchstrukturierter Normalität im Sinne gängiger Auffassung. Es nimmt nicht Wunder, das der Verfasser den tobenden inneren Konflikt mit nüchternen, quasi im Tagebuchstil geführten Beschreibungen zu bändigen sucht; dass er sich stets eine große Diskretion auferlegt, um noch am Ende seines Werkes - wie zum Selbstschutz - darauf hinzuweisen, alle Personen und Einzelheiten der Handlung seien frei erfunden. Zu keiner Zeit überschreiten seine persönlichen Aufzeichnungen eine moralisch verwerfliche Grenze, nie begibt er sich jenseits des guten Tons ins Spotlicht eines detaillierten Voyeurismus, der bloßen Befriedigung der Sensationslust wegen. Jener Drang zu gleichgeschlechtiger Zweisamkeit ist der psychologische Umdrehungspunkt, den zu umkreisen die Geschehnisse eines (zum Scheitern verurteilten) Daseins mit Frau, Kleinkind und patriarchalischem Schwiegervater bestimmt sind. Die Befangenheit und leise Resignation angesichts dieses eingefleischten Zwanges - dieser als Abweichung empfundenen Begierde - sind dabei allgegenwärtig. Verdeutlicht noch anhand der oftmals makaberen Gegenüberstellung von tatsächlich erlebter Wirklichkeit und eines aufgesetzten sozialen Rollenspiels. An der genetisch bedingten Veranlagung der menschlichen Natur, unseres Wesens reiben sich permanent erzkatholische Mechanismen der Moral. Indes sind es eben diese Arten von Gegensätzen, die vielschichtige gedankliche Strukturen ermöglichen, ja zwangsläufig (!) erzeugen. Tritt das individuelle Bemühen des Autors, sich nicht auf Gedeih oder Verderb den vermeintlich unbestimmbaren Kräften auszuliefern, auch noch so offenkundig zutage. Auf den letzten Seiten des Buches - dessen Geschichte er selbst (s. Klappentext) als burlesk bezeichnet -, vollzieht Arno Abendschön allerdings ein beachtliches Resümee von philosophischer Klarheit. Dieser abschließende Teil, der mich aufs Tiefste angesprochen hat, wandelt rückwirkend den sachlich beschriebenen Konflikt eines Außenseiters der Gesellschaft in ein nachvollziehbares, weil menschliches Dilemma von dramatischem Ausmaß. In diesem einen intensiven Moment der Wahrnehmung wähnte ich mich mit dem Verfasser seelisch stark verbunden, ich fühlte mich wie sein enger Vertrauter.

"Meine Auffassung von Natur ist umfassender, so umfassend, dass ich von vornherein darauf verzichte, ihr nur gerade die Absichten zu unterstellen, die ich noch nachvollziehen kann. Wie kann ein unendlich kleiner Bestandteil das Ganze erkennen? Mag sein, Natur will gerade Wesen wie mich, die auf den abblätternden Putz alter Häuser blicken."

 

Peter Pitsch

 

Lorenz Filius, Eines Poeten Sonnenuntergang

 

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Poetische Offenbarungen.

Unter dem Scheinwerferlicht heutiger Sensationslüsternheit (eine immer rasanter sich drehende Weltlichkeit beleuchtend) fallen philosophisch durchwebte Bücher, insbesondere lyrisch verdichtete Texte zunehmend der Missachtung anheim. Seine Schaffenskraft bezieht Lorenz Filius nicht aus einer gönnerhaft beweihräucherten Literaturszene, deren Aufmerksamkeit ihm aus unerfindlichen Gründen bislang verwehrt blieb. Andererseits, haben nicht gerade die Bescheidenheit des armen Dichters und die daraus resultierende innere Anwesenheit eine Quelle eröffnet, die seinen Geist mit einem Strom vollendeter Lyrik speist? Hineinzutauchen in die poetischen Offenbarungen dieses Schriftstellers, dessen melodische Versformen niemals inhaltslos dahinplätschern und zu keiner Zeit mächtige Wirbel zum bloßen Eigenzweck erzeugen, ist Hingabe an sein bemerkenswert profundes Gewahrsein. Denn was erwartet den Leser auf seinem Weg - Vers für Vers, Strophe für Strophe - Richtung Mündung, im Sog eines psychologische Weiten vermessenden Eisbrechers? In Begriffen wie Weisheit schwingt zuviel Pathos mit; Wörtern wie Schönheit oder Zauber haftet ein abgenutzter Klang an; um der Qualität dieses Gedichtbands gerecht zu werden, kommt der Leser nicht umhin, seine vorderhand gefasste Begriffswelt neu zu definieren. Zuletzt steht die große existentielle Frage im Raum, ob es außerhalb des Scheinwerferlichts tatsächlich ein Dasein gibt, welches einer wesentlichen Annäherung benötigt. Kein kurzes Aufblitzen an glatt polierter Oberfläche, sondern das Durchleuchten des eigenen kaum erforschten Seelenlebens.

 

Peter Pitsch

 

Lorenz Filius, Flurgedanken

 

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Was mag geworden sein aus jener Tradition der deutschen Dichtkunst, die einstmals seine begabtesten Lyriker zu fördern und zu pflegen bereit war, wenn ein Poet von solch einzigartiger Mischung aus Feingefühl und Aussagekraft wie Lorenz Filius seine Werke abseits der etablierten Verlagsinstitutionen zu publizieren hat?

Ein Aufschrei der Empörung müsste die kommerziellen, entseelten Mechanismen der Literaturindustrie erschüttern und ihre kapitalorientierte Handhabung zutiefst in Frage stellen! Dem gegenüber steht allein der lyrische Modernist, sich erhebend aus dem Kanon der klassischen Versverfechter dank einer individuellen und verblüffend umfangreichen Stimmgewalt.

Die sublim entfesselte Wortakrobatik im Rahmen eines harmonischen Textbilds vermag den Leser aus seiner Gleichmütigkeit zu reißen und mitzunehmen als vertrauter Gefährte auf eine Reise zwischen Weltentdeckung und Endstation Sehnsucht. Tiefgründige Gedankenketten, die in rhythmischem Gleichklang um den Mikrokosmos des Alltags kreisen, dann wieder die menschenleere Endlosigkeit des Universums in einer einzelnen Zeile spiegeln - wie das Extrakt einer Gehirnzelle kurz nach ihrer Teilung. In jedweder Form, in jedwedem Vers offenbart sich dem Leser die Vielfältigkeit des menschlichen Lebens und bereichert sie mittels jäh überraschender Wahrhaftigkeit. Ein gekonnter Seiltanz balancierend zwischen Humoreske und Ernsthaftigkeit, voll Umkehrschlüsse und voll trefflicher Assoziationen, die uns, die stillen Weggefährten, bald mit heißer Stirn, bald mit schwerer Brust auf den Durchstich der Wirklichkeit fallen lassen: Weil diese Art der Poetik ob seiner philosophischen Doppelbödigkeit uns immer wieder flüchtig innehalten lässt, um Atem schöpfend dem Pulsschlag unseres eigenen Lebens zu horchen.

Die Ruhe, die nach oben strömt, vergisst im Aufstieg ihren Zorn, Gedanken lügen mir ins Ohr, ich hätte mich an sie verlor´n.

Und während aus der Profundität seines Schöpfers ein "Tiefseefisch mit Leuchtorgan" ans Bewusstsein steigt, meldet der beeindruckte Kritiker die (unwiderrufliche) Ankunft eines förderungswürdigen, weil höchst begabten deutschen Dichters.

 

Peter Pitsch

 

Klaus D. Klimke, Eindeutige Zweideutigkeiten

 

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Keine Eintagsfliege.

In einer seiner alltäglich-irrwitzigen Geschichten weist Klaus D. Klimke auf einen höchst nüchternen Eintrag des Arbeitsamtes hin: Zu alt, nicht mehr vermittelbar - eine nebenbei geäußerte und quasi unschuldig klingende Bemerkung.

Wann jedoch hat man zuletzt eine Sammlung von Gedichten und kurzen Prosastücken in Händen gehalten, die mittels so sparsamer und bewusst schlichter Formulierungen eine derart große Wirkung erzielt und gleichsam so viel Inhalt vermittelt?

Einerseits muten Klimkes minimalistische Erzählungen "Eindeutige Zweideutigkeiten" federleicht und frei von Larmoyanz an, andererseits ist ihnen die schwere Anziehungkraft einer ironischen Tiefe zueigen, welche den Leser in ein emotionales Wechselbad aus Freude und Trauer eintauchen lässt. Eine treffliche Mischung, die trotz aller kurzweiligen, schnell (durch-)gelesenen Lektüre wie ein Nachklang von wahrhaftig gelebtem Dasein haften bleibt. Der Autor vermag seelischen Befindlichkeiten einen bald poetischen, bald augenzwinkernden Ausdruck abzuringen, und oft steht zwischen den Aussagen unendlich viel mehr, als das schmale Volumen des Bandes auf dem sprichwörtlich ersten Blick vermuten lässt. Sicherlich diente ein großzügig gewähltes Textbild dem Autor primär dazu, sein literarisches Kaleidoskop auf immerhin/wenigstens 75 Seiten entfalten zu können, dennoch entsteht im nachdenklichen Leser der Eindruck, dass diese Zwischenräume die Möglichkeit für eigene Erwägungen aufzeigen wollen.

Nur angedeutet ist der Schmerz etwa, als im Laufe der verschiedenen Episoden Gevatter Tod einen Menschen an sich reißt und dessen Leben gnadenlos abrupt auslöscht. Fünfzehn Jahre darauf - eine kleine Ewigkeit - steht die Zurückgebliebene erneut auf dem Friedhof:

Eine kahle Schneise zog sich durch die Wiese hindurch, an ihrem Rand ein Bulldozer. Die Schaufel tief in den Boden gerammt, wartete er auf den Tag. Sie (die Frau) war zu spät gekommen.

Die Friedhofsverwaltung hatte es bereits kundgetan: der Parkschein war abgelaufen.

Derart unaufgeregt, unaufdringlich, zugleich von federleichter Hand und tief schürfend wie ein Bulldozer trägt Klaus D. Klimke seine Lebensfragmente an den Leser heran, und er kann nicht umhin, die Zeugnisse eines alltäglichen Daseins aus ihrer Banalität zu befreien.

Für eine Eintagsfliege, weiß Klimke zu berichten, vergehen die Stunden buchstäblich im Fluge, was bleibt dem Insekt am Ende des Tages zu wünschen übrig, da sich die anderen ringsum plötzlich ans Herz fassen und haltlos hinabstürzen: in die Erdbeermarmelade (schöner Tod!), in das Hundefutter (nicht ganz so schöner Tod!), in den Kochtopf (schrecklicher Tod!).

Die "Eindeutigen Zweideutigkeiten" sind während der Dauer eines leicht bewölkten Nachmittags durchgelesen, doch keineswegs werden sie unbeachtet in jenem großen Kochtopf landen, wo eine ungenießbare Suppe aus fader, inhaltsloser Literatur seit geraumer Zeit vor sich hin köchelt.

 

Peter Pitsch  

 

Günther Bach, Das Horn des Hasen

 

Diesen Bezug legt das Grundthema des Buches zwingend nahe: nimmt man das Bogenschießen als Metapher, um das konzentrierte Schaffen des Schriftstellers bildhaft darzustellen, wird dem aufmerksamen Leser im Verlaufe der Lektüre gewahr, dass es sich bei dem Verfasser des Romans ´Das Horn des Hasen´ um einen geübten und brillianten Meisterschützen handelt. Ruhig und bedächtig hat Günther Bach stetig das philosophische Anliegen, das hehre Ziel, vor Augen und weiß mit sicherer Hand den Bogen allmählich zu spannen, ehe er treffsicher jenen Pfeil, der uns die überraschende Auflösung vermittelt, im Gold der Scheibenmitte platziert, auf dem Höhepunkt der Geschichte. Es ist die poetische Gelassenheit des Erzählers, die sich von Beginn an ins Bewusstsein senkt. Seine Arbeit als Architekt in der ehemaligen DDR lässt ihn unbefriedigt, Aufträge sind zum Selbstzweck entfremdet. Besuche auf dem kleinen Eiland Hiddensee (ins Geschehen verwobene Rückblicke), setzen einen seelischen Prozess in Gang, der allmählich neue philosophische Betrachtungsweisen eröffnet.

 

Auf leisen Sohlen beginnt die geheime Suche nach dem Freund, nach verborgenen Zeichen, die über Grund und Art seines Verschwindens Aufschluss geben könnten. Erhard, der lebenskluge Bogenschütze, ein Einsiedler, der dem maroden System den Rücken gekehrt hatte und für die Dauer dreier Sommer den Erzähler sowohl in der Kunst des Bogenschießens als auch in eine Hingabe an die eigene Intuition unterwiesen hat. Diese auffallend intensive Zeit auf der Insel Hiddensee bildet den Umdrehungspunkt, und je mehr der Protagonist sich einer übersinnlichen Wahrnehmung anvertraut, desto stärker wird ihm die Sinnlosigkeit des alltäglichen Daseins und der Verdruss über ein unausgefülltes Leben bewusst. "Immer mehr verengte sich die schmale Spalte des Jetzt zwischen vergangenen und erwarteten Zwängen."

Das Forschen nach Erhards ´Vermächtnis´ stellt solchermaßen eine Suche nach dem verloren gegangenen Zweck des Lebens dar. Wohin aber führt der eigene Weg, wenn am Ende der inneren Reise der Verlust des Vertrauten droht?! Sanft führt Günther Bach den Leser (und sich selbst) an die Antwort auf jenes Rätsel heran: Übereinstimmung.

Diese führt von der Treffsicherheit des Bogenschützen über die Authentizität und Integrität des menschlichen Charakters bis hin zur selben Symbolik dieser wunderschönen Geschichte, die er auf übereinstimmend poetische und psychologisch sensible Weise, auf hohem stilistischen Niveau zu schildern versteht.

"Doch ich vergaß meine Unlust bei der Betrachtung der Möwe, die mit unglaublicher Eleganz diesem Wetter trotzte. Zum ersten Male hielt ich für möglich, dass Vögel etwas wie Glück empfinden könnten, bei solch einer Art des Fliegens. Mühelos schien sie zu schweben, mit angewinkelten Flügeln glich sie die Schwankungen aus in sparsamem Strecken und Beugen, fast auf der Stelle schwebend. Selbst das taumelnde Auf und Ab, die Bewegung zur Seite schien leicht und sicher, ein Spiel, jenseits von Zweck und Ziel. ( ... ) Als Erhard den Bogen spannte, brach eine Welle schäumend ans Ufer, durchnässte ihn bis an die Knie. ( ... ) Bestürzend leer plötzlich der Himmel, und erneut wahrgenommen das Brausen des Windes in schmerzenden Ohren."

Wer von Euch ebenfalls auf der Suche ist, nämlich nach anspruchsvoller Literatur, hat sie gefunden: Das Horn des Hasen.

 

Peter Pitsch

 

Barbara Schilling, Meine Berliner Kindheit

 

Es waren die Sechziger Jahre. Dann und wann rumpelte ein schwerer LKW über die Straße mit einem kleinen Verband englischer Soldaten auf der Ladefläche. Ich kann mich erinnern an das schrille Heulen der Sirenen, lautstark und mehrstimmig, Signale einer latenten Bedrohung. Probealarm. An der Seite meiner Mutter stieg ich hinab in den modrigen Keller. Spürbar schwebte noch der düstere Schatten des letzten Weltkrieges über den Köpfen der älteren Hausbewohner. Wie hätte man einem Kind begreiflich machen können, daß jene Maßnahme dazu diente, vor einer (damals hypothetischen) zerstörerischen Gefahr Schutz zu suchen? Wie hätte meine Mutter den Schrecken heraufbeschwören sollen, den sie selbst als Kind erlitten hat, ohne das Grauen erneut in die Welt zu rufen?

Mit ihrem Roman "Meine Berliner Kindheit" hat Barbara Schilling diese emotionale Brücke errichtet. Teils ergreifende, teils traumatisierende Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges schildert sie aus der Sicht eines Berliner Mädchens. Am Schicksal dieser Einzelnen - in der Intimität des kindlichen Daseins - wird nachfolgenden Generationen das Los jener Jahre nachvollziehbar gemacht. Die geballte Wucht gezielter Zerstörung europäischer Städte ist zu überwältigend, zu unfassbar die Abermillionen von Toten, die einer dumpfen Ideologie zum Opfer fielen. Kraft des Romans aber lernen wir - mit Sympathie und Mitgefühl - das Leben einer Berliner Göre kennen, die sich entgegen ständiger Hungersnot und endloser Bombennächte eine menschliche Identität bewahrt. Die um jedes noch so kleine Glück zu ringen bereit ist, und die uns auf unmittelbare Weise verdeutlicht, dass jene nackte "Zahl" aus irgendeiner Kriegs-Statistik ein Menschenleben birgt.

Meine Mutter, wie die Protagonistin dieses Romans Jahrgang 39, hat sich während und nach der Lektüre dieses Buches mit einst-verdrängten Erlebnissen beschäftigt: Momente des Beisammenseins inmitten des Schreckens; hie und da winzige Zeichen der Hoffnung; Inseln der Menschlichkeit in zerbombten Städten, eisige Nachkriegswinter überdauernd.

Die letzten 100 Seiten ihres ansonsten großartigen Romans füllt Barbara Schilling mit einer Reihe Alltagsepisoden. Hätte sie der Lebenswillkür im Nachkriegs-Deutschland ein größeres Maß an psychologisch-eindringlicher Substanz zugewiesen, ich hätte "Meine Berliner Kindheit" zu den großen Werken der Literatur gerechnet. Gleichsam bin ich davon überzeugt, dass viele Mitbürger älteren Jahrgangs sich in diesen zusammengefügten Episoden wiedererkennen werden und deren Vorhandensein einer ausgleichenden Leichtigkeit wegen begrüßen.

 

Peter Pitsch

 

Miguel Oliveira, Vom Scheitern eines Traums - John Dos Passos und Migration

 

http://migueloliveira.jimdo.com

 

Bereichernder Essay.

Miguel Oliveiras Dos Passos-Monographie, die emotionale beziehungsweise politische und soziale Aspekte der Migration in den Vordergrund rückt, hat zu einer Erweiterung meines kulturhistorischen Bewusstseins beigetragen. Zum einen muss ich Farbe bekennen und mich hinsichtlich des Schaffens Dos Passos, dem Oliveira zu Recht eine große Bedeutung beimisst, als Noch-Ignorant zu erkennen geben - diese Bildungslücke möchte ich bei Gelegenheit schließen. Zum anderen sind mir die Prämissen damaliger Einwanderungspolitik der USA vor dem geschilderten Hintergrund bis dato (teilweise) verborgen geblieben, beziehungsweise habe ich mich nie intensiver mit jener staatlich verordneten Willkür gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen auseinandergesetzt. Da erschließen sich eine Reihe von Kausalitäten, deren diskriminierenden Auswüchse bis hin in unsere Gegenwart wuchern; nicht zuletzt bezogen auf die Identität und das Selbstempfinden eines Bürgers der Vereinigten Staaten und dessen ursprünglicher Abstammung.

Des Weiteren ist es dem Autoren vorzüglich gelungen, den aufrechten Charakter Dos Passos mittels eines wohl formulierten klaren Schreibstils sachlich und dennoch höchst engagiert widerzuspiegeln. Somit finden "Schüler und Meister" auf einer humanitären Ebene ein Zusammenspiel, das einem aufmerksamen und lernfähigen Leser beträchtlichen Respekt abverlangt.

Meiner anfänglichen Skepsis zum Trotz vermochte Oliveira innerhalb seines "nur" hundertseitigen Werkes (inklusive Anhang) punktgenau eine Botschaft zu vermitteln, die soziale Ungerechtigkeiten bedingungslos zutage fördert, und eine Mission auszuführen, welche dem Andenken Dos Passos auf einfühlsame Weise gerecht wird. Sehr empfehlenswert.

 

Peter Pitsch

 

J. Mertens, Genius Vacui

 

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Es liest sich wie eine Hommage an Gevatter Tod, das finstere Werk aus den Zellregionen unserer eingefleischten Furcht. Mit einer erbarmungslosen, leichenfleddernden Inbrunst entwirft J. Mertens in seinem "Genius Vacui" ein Szenario, das die fundamentale, gleichsam paradoxale Konsequenz des körperlichen Verfalls zum Hauptthema erhebt. Versehen mit einer Reihe klassischer Elemente, typisch düsterer Vorstellungsbilder aus den Bereichen des Horrorgenres, haftet der makaberen Erzählung eine verheerende Wirkung an. Nach der ausführlichen wie aussagekräftigen Chronik der Familie Ashcroft nimmt die eigentliche Geschichte ihren wortwörtlich Fliegen umschwirrten Anfang. Eine gelungene Textpassage voll assoziativer Diabolik befördert den bösartigen Spuk über die bloße Veranschaulichung hinaus. Im Bann dieser traumatisierenden Ereignisse ist der lesende Voyeur gespannt, wie Doktor Mertens den grausigen Faden seiner Geschichte weiterspinnt. Sei der atemlose Leser auch noch so versucht, innezuhalten zwecks Verdauung der beschriebenen Geschehnisse, es gelingt ihm nicht. Angesichts eines Dramas, das den geistig verwirrten Protagonisten in immer obskurere Seelenzustände treibt.

In unserer - aus konformen Versatzstücken zusammengeflickten - Gesellschaft ist selbst das Bestreben normalisiert, Verstorbene nach Möglichkeit schnell und für Außenstehende so unauffällig wie möglich aus der Welt zu schaffen. Doch das allgemeine Verdrängungsprinzip trägt ebenso finstere Früchte wie der Gegenstand seines Tabus. Umso wichtiger scheint daher die konsequente Umsetzung dieses Schrecken erregenden Plots, der den Verwesungsprozess eines geliebten Menschen beinhaltet und den einsamen Wahn des in Verzweiflung Hinterbliebenen bis zur letzten Seite zelebriert. Ein von sicherer Hand orchestriertes literarisches Crescendo entlässt den Leser in eine Welt voller Gefahren. Eine Welt, in der weder irgendetwas von Dauer zu sein scheint, noch irgendetwas absolute Sicherheit verspricht. Wo nur eine grausam-schöne Romantik zwischen Fäulnis, Fliegen und der Ewigkeit herrscht.

 

Peter Pitsch

 

M-F Hakket, Die Katze von Frau Wagner

 

Sprachlich inszeniert M-F Hakket in seinem satirischen Roman "Die Katze von Frau Wagner" kein pseudo-intellektuelles Kamasutra. Vielmehr schildert er die Geschichte der alleinstehenden und vernachlässigten Protagonistin ohne stilistische Kapriolen geradewegs aus dem Bauch heraus, und dennoch blitzen im Laufe der Handlung originelle, doppelbödige Wendungen immer wieder höchst überraschend auf.
Mit der letzten vorhandenen Feuchtigkeit schleimte sich der Fisch aus der Affäre und dachte darüber nach, warum es in Frau Wagners Wohnung nach Katzenscheiße roch.
Dieser schleimige Fisch wird von der Intrigantin und allzeit von bunten Lockenwicklern umkränzten Frau Tomasen verkörpert. Sinnbild der nachbarlichen Unausstehlichkeit, deren Lebensinhalt einzig und allein darin besteht, ihre Mitmenschen anzuschwärzen und ihnen die Hölle auf Erden zu bereiten.
Frau Wagner hätte ihr nächstes Opfer sein sollen, eigentlich sein müssen, wäre da nicht eine schwarze Katze auf leisen Pfoten - wie ein unnahbarer Schatten - in ihr Dasein geschlichen, um durch ihre schiere (oder imaginäre?) Gegenwart eine unfassbare Metamorphose auszulösen. Eine Wandlung vollzieht sich und anstelle der grauen, stillen Unperson Anna Wagner tritt unversehens eine aufblühende, ja selbstbewusste Erscheinung voller Lebenslust und neu entdeckter Weiblichkeit. Vorerst.
Denn hüben wie drüben gärt es vor falschen Absichten und vor versteckten unlauteren Motiven, und wie eh und je lauert hinter den Fassaden unserer Gesellschaft der Wahnwitz im selbstgerechten Anspruch auf Normalität.
M-F Hakket räumt sie Schicht für Schicht beiseite, die zweckdienlich angeordneten Befindlichkeiten unserer Zeit, und legt allmählich den rohen Kern des menschlichen Desasters frei. Rette sich, wer kann!
Indes schleicht die Katze als subtiles Symbol unserer ungezähmten Natur durch den Plattenbau der Geschichte und zieht sämtliche Menschen, die mit ihr in Berührung kommen, unweigerlich und auf drastische Weise ins Verderben.


Eines Tages läuft sie jedem von uns über den Weg, oder auch nicht ...?!
 

 

Peter Pitsch

 

Robert Brettschneider, Tu felix Austria

 

Tu felix Austria, ein Buch, das provozieren will und polarisieren wird. Nicht zuletzt für die österreichische Beamtenriege stellt sich der brisante Inhalt zwangsläufig als dreistes Pamphlet oder Schmähschrift dar - ihre Ehre stünde auf dem Spiel, falls sie eine hätte. Mittels bestechender Wortwahl, glasklarer Aussagen garniert mit einem gehörigen Schuss Ironie zerrt Robert Brettschneider gesellschaftliche, bürokratische und rechtsstaatliche Missstände des Alpenlands ans Licht: Eine Art willkürliche Widrigkeit, die Österreichs Bürgern frei nach dem Motto "Servier die abgestandene Suppe mit einem Wiener Lächeln", zugemutet wird.

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Autor im Bemühen, jenen verinnerlichten Wahnwitz aufzudecken - welcher sich hinter den polierten Fassaden zu verbergen sucht -, hin und wieder recht pauschale Schlüsse zieht. Brettschneider hat die Nase voll, voll von diesen grotesken Zuständen ... und wie etwa ein Michael Moore dem amerikanischen Way of Life gnadenlos auf die Finger schaut, so öffnet ´Tu felix Austria´ eine eitrige Wunde nach der anderen und gießt ätzende Säure hinein. Wer doch lieber Erfreuliches oder dem Tourismus Dienliches über Land und Leute erfahren möchte, sollte sich an einen bunten Reiseführer wenden, oder dick gepolstert und mit halb beschlagener Brille eine Skipiste hinunter schlingern.

Zwar unterlaufen dem ansonsten hervorragend agierenden und spitzfindigen Autor im Eifer des Gefechts ein, zwei kleinere Widersprüche, auch wünscht man sich bezogen auf besonders heikle Fälle der dunklen Alpenseele (ausgerechnet die Sache ´Haider´ kommt kaum zur Sprache) eine umfangreichere Stellungnahme. Nichtsdestoweniger möchte ich die Lektüre dieses Augen-öffnenden Werks all jenen, die an unbequemen Hintergründen ein Interesse haben, ohne Vorbehalte ans Herz legen.

Denn: was macht es schon, dass viele der angeführten Missstände kein österreichisches Privileg symbolisieren, sondern im Großen und Ganzen auch auf andere Länder wie etwa Dänemark übertragbar sind, womit dessen Vorbildfunktion (laut Verfasser) arg ins Wanken gerät. Oder man denke bloss an das von Korruption und Sexismus durchdrungene italienische Staatswesen. Um nur zwei Beispiele anzuführen, die mir selbst bestens geläufig sind.

Mit anderen Worten: Auch ein aufgeklärter Nicht-Österreicher wird beim Lesen dieses Buches immer wieder zustimmend nicken müssen; bei aller Schwarzseherei gibt es dank der spitzen Feder des Autoren häufig genug der Gründe herzhaft zu lachen, und man kann schließlich gar nicht mehr umhin, vor Robert Brettschneider den Hut zu ziehen: "Gnäd´ger Herr!"

 

Peter Pitsch 

 

J. Mertens, Psychotische Episoden

 

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Die bizzaren Welten des Doktor J. Mertens: Wer sich verzehrt nach zwischenmenschlichen Monstrositäten der gehobeneren Art und gleichsam dem kurzweiligen Grusel zugeneigt ist, der braucht nicht länger erlebnishungrig durch eine farblos erscheinende Alltagswelt zu tappen. J. Mertens füllt das Papier kraft zweckbestimmter Sätze mit atmosphärisch dichten Szenarien aus der Schmiede eines begabten Schülers, der von seinen klassischen Vorbildern wie etwa ein Edgar Allan Poe oder eine Mary Shelley so manche stilistische Feinheit übernommen hat - zum dämonischen Vergnügen des Lesers seiner "Psychotischen Episoden" wohlgemerkt.

Meine Gedanken tanzten den Reigen der Verdammnis. Derart poetisch mutet der wieder und wieder heraufbeschworene Höllenritt ins Verhängnis an, doch bei allem Zugeständnis an die sprachliche Qualität dieser Sammlung unheimlicher Kurzgeschichten, so erfährt bisweilen das gehobene Niveau kleinere Dämpfer in Form nicht abgerundeter Beschreibungen, respektive unvollendeter Stimmungsbilder. Allerdings, angesichts der Fülle beängstigend-mystischer Handlungsstränge, tun diese wenigen Nachlässigkeiten dem Gesamtwerk kaum einen Abbruch. Vielmehr ist der längst ins Alptraumhafte entrückte Leser am Schluss jeder einzelnen Schauergeschichte geneigt, dem Autoren auf seinem knatternden Feuerstuhl wehmütig hinterherzurufen: Warum sind deine "Psychotischen Episoden" so kurz!

 

Peter Pitsch    

 

Miguel Oliveira, Kein Leben vor dem Tod

 

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Erinnerungen an Jasmin.

Zu gleichen Teilen stichwortartig und poetisch verfasst, schildert Oliveira zu Beginn seiner sehnsuchtsvollen Geschichte in wenigen Passagen den Wechsel und das existentielle "Verrücken" von Deutschland nach Portugal. Diese flüchtige Seelenschau war für mich von großem Interesse, von diesen persönlichen Einblicken wären mir noch eine Reihe weiterer Gedankenfragmente höchst willkommen gewesen. Der bruchstückhafte stilistische Aufbau, welcher den Leser immer wieder innehalten und das Unausgesprochene zwischen Zeilen und Wörtern nachvollziehen lässt, spiegelt das jähe Innehalten des jugendlichen Geistes wider. Eines Geistes, der noch unsicher um ein tieferes Verständnis des täglichen Daseins ringt, noch nicht von ununterbrochenen Wiederholungen korrumpiert ist und die monotone Gedankenschleife durch ein entrücktes Erstaunen aufzuribbeln vermag. Es handelt sich um das tragisch verlaufende Schicksal eines jungen Mädchens, Momentaufnahmen, Einblicke und Ausblicke einer heranwachsenden Existenz, plötzlich aus dem Leben gerissen! Ein Dasein, das sich ins Leere verschwendet hätte - wie die imaginäre Zukunft des tödlich verunglückten Mädchens -, hätte der Autor seine kurze Geschichte nicht mit intuitiver Feder der Nachwelt überliefert.

 

Peter Pitsch



Elfie Nadolny und Wolf-Jakob Schmidt, Humoriges Strandgut  

 

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Unter dem Algentoupet.

Es ist schon beachtlich, auf welch kunterbunt gemischtes Wörtergut ein neugieriger Leser an den freien Stränden der Literatur zu stoßen vermag. In der Anthologie "Humoriges Strandgut" ist der Saum des gedanklichen Horizonts nicht überwuchert von schwerlastigen Literaturexponaten. Sondern vielmehr bevölkert mit ungeschliffenen und ulkigen, aber auch deutlich gezeichneten Kleinodien der Fantasie. Wie es dem natürlichen Lauf der Gezeiten entspricht, finden sich die gesammelten Fundstücke in überraschenden Kompositionen vereint. Der entdeckungsfreudige Leser, einzelne Textgebilde zur Hand nehmend, lässt sich auf ein unvorhersehbares Spiel mit dem Meer der Geschichten ein. So zusammengewürfelt der Bestand des "Humorigen Strandguts" mitunter wirken mag - sind es doch gerade diese unvorhersehbaren Treibgüter, die kraft ihres ungekünstelten Wirkens bestechen. Keine intellektuell ausgefeilten Kolosse, stattdessen persönliche und unaufdringliche Texte, welche einer zeitweiligen Beachtung und Verinnerlichung mehr als wert sind. Hinter dem schelmischen Grinsegesicht und seinem Algentoupet liegt manche Überraschung im Sand bereit, man muss nur gewillt sein, leichten Gemütes, Ausschau haltend hineinzutauchen und nach diesen farbenfrohen und vielfältigen Strandgütern zu greifen.

 

Peter Pitsch

 

Elfie Nadolny und Wolf-Jakob Schmidt, Kleine Schritte  

 

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Schrittweise.

In einer Zeit, in welcher der aufgeklärte Mensch mehr und mehr auf sich selbst zurückgeworfen wird und er/sie somit die Verantwortung am wenig erbaulichen Zustand der Welt keiner höheren Macht zuschieben kann, wirken diese zärtlichen (doch tief verwurzelten) poetischen Gebilde wie kleine unverzichtbare Hoffnungsschimmer unter dem Ansturm einer scheinbar feindlich gesinnten Umwelt. Nichtsdestotrotz: wenn allerorts, in kleinen Schritten, der Wunsch nach einer harmonischen, respektvollen Koexistenz der Menschen gedeiht und die Blüten - gleich den Texten dieser Anthologie - zum Vorschein kommen, ist der Friede auf Erden in greifbarer Nähe.

 

Peter Pitsch  

 

Klaus D. Klimke, Mein Franzlinde

 

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Zwei Seelenzustände finden in Klaus D. Klimkes Alltagsprosa ihren Widerschein, burschikose Direktheit neben observierender Intellektualität.

Sommer für Sommer steckt der Autor mittendrin im alteingesessenen Geschehen, das auf dem Areal eines archetypischen Campingplatzes seine rührseligen Trivialitäten pflegt. Seite an Seite mit den Freunden dieser beschaulichen Gemütlichkeit - den Harms, den Flottkes oder Gräsichs - betreibt er auf humoreske Weise seine anthropologische Feldforschung. Nahezu perfekt gelingt es Klimke als eingefleischter Teil des Camper-Daseins einigen der heraufbeschworenen Szenen den Wahnwitz menschlicher Befindlichkeiten einzuhauchen.

Eine Schilderung verbleibt besonders in Erinnerung: Da scharrt sich die gesamte Enklave aufgrund eines Kurzschlusses um den Sicherungskasten, der wohl oder übel alle Geschicke miteinander vernetzt. Im gegenseitigen Einvernehmen wird alsdann der Urheber der Katastrophe, ein gewisser Bubu Flottke, von der aufgebrachten Meute an den Pranger gestellt. Derlei symbolträchtige Episoden, halb ironisch, halb vertraulich zu Papier gebracht, tragen entschieden dazu bei, dass Klimkes schmales Werk nicht in einer Flut aus Banalitäten absäuft. Vielmehr einen lustigen Einblick in das Leben der sesshaften Nomaden zu vermitteln versteht. Abgeschlossen mit einem etwas wehmütigen Nachruf auf jene Sommertage an der See: Schön war´s!

 

Peter Pitsch   

 

Roland Adelmann, Isabel Rox und Wally Kaspars, Asphalt Beat

 

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27 Autorinnen und Autoren erzählen ihre Geschichten vom Überleben in den Städten im Rhythmus der Straßen… - Asphalt Beat.

Slumguerillas der ersten Stunde, Mitstreiter der deutschen Social-Beat-Bewegung und Frontfiguren des subversiven Undergrounds sind in dieser Kult-Anthologie aus dem Jahr 1993 versammelt. Hardy Krüger, Caroline Hartge, Oliver Bopp, Roland Adelmann, u. a. Eben all jene Autoren, die nicht das blank polierte Parkett der etablierten Literatenszene gestelzten Schrittes begehen, keine schöngeistigen Schnulzetten absondern und nach intellektueller Beweihräucherung haschen. In diesen Stories wird anderweitig gehascht, härter gesoffen, intensiver gef... (Piep!), dreckiger gesprochen; man zelebriert das Leben auf der Straße mit der Nase im Dreck, Spucke und Sperma veredeln die Risse im Asphalt. Die abtrünnigen Existenzen führen das Wort aus den Nischen ihrer Sackgassen, und sie hämmern ihre Sprüche gegen das Mauerwerk der Moral.

Die Ikone der Beatkultur, Charles Bukowski, hat zur Genüge von seinen Saufexzessen berichtet, aber wieviel muss der Mensch wirklich "schlucken", wenn das nächtliche Geschrei jenseits der Wand immer groteskere Auswüchse annimmt, oder wenn eine Tussi im Tablettenrausch sich das Silikon aus den Brüsten schneidet.

Die Asphalt Beat-Schriftsteller sind hart im Nehmen und noch härter im Austeilen, ihr Werk, längst Kult, wird dementsprechend selten gehandelt - allerdings sind gewisse horrende Preise für ein gebrauchtes Exemplar reine Abzocke, schade drum.

 

Peter Pitsch