Gespeichert
Im Schatten der globalen Netze,
vermehren sich die leeren Sätze,
aus wahren Lügen geht hervor,
perfides Summen senkt ins Ohr,
Utopien, die den Sinn verzehren,
Fortschritten ihr Ziel verwehren,
Los der Welt auf Schirm gebannt,
Totgeburt reift beim Versand,
Übermaß begrenzt die Vielfalt,
zu viel Masse aufs Gehirn prallt,
gekappter Reiz der Flüchtigkeit,
immer neues Link verzweigt.
Im Stau
Der Asphalt schmilzt und Dampf steigt auf
salzig ist der Schweiß und über dem Bürgersteig
stöckelt ein Mädchen aus dem Ei gepellte Brüste
grelle Schminke Lippen unter Zellophan geschürzt
die Stilaugen an ihr diabolisches Tattoo geheftet:
leck mich mit all deinen Philosophien und berühr
lieber meine nackte Haut mit schamloser Zunge
Sex ist der ultimative Fix zum Überleben was
Tag für Tag an Symbolik auf uns eindrischt
Fluchtweg aus dem Stau der Gedankenschleife
festgefahren wie mein Käfer am Mittelstreifen
Atemnot in einer zerbeulten Taucherglocke
rechts und links von mir ein orchestriertes Fuchteln
mit Handys vor Mündern die alles verraten haben
stumme Schaufensterpuppen hinter Glas postiert
Ampellicht das träge auf den Scheiben ausblutet
kein Grün der Hoffnung ehe mir schwarz wird.
Casting des Lebens
Plastikbunt, in formvollendeter Optik
bezieht die bloße Oberfläche ihre Kraft,
die Tiefenmessung des Geistes verflacht
unterm leisen Echolot der Dialektik.
Bestrahlt werden die Hirne nonstop,
der Reiz wird zur großen Konstante,
verfilmbar brüstet sich die Schande,
Degeneration des Lebens zum Flop.
Jesus, heute
Wenn die Scheinwerfer auf ihn
fielen, was würde Jesus predigen
wollen, und falls eine wirre Menge
unsichtbar und gierig auf Lauer
läge im Gott-Medium Internet?
Die Ringe eines Baumes zögen
sich um sein Herz, um Jahre
im Voraus den Tod zu ersehnen
in einem einzigen sprachlosen
Gebet an ferne Stille gerichtet.
Sein Antlitz sähe er schwinden
auf einen roten Punkt der unter
Millionen Bildschirmen leuchtet
im Modus Standby und nur die
Tierwelten ergäben noch Sinn.
Darin verweilen! in diesem Atem
aller Katzen zusammengerollt bis
zum Jüngsten Tag, altersschwach
vergehen bis niemand ihn vermisst
und das Wort endgültig verklingt.
Insomnie
Schlaflos zusammengerollt um eine wirbelnde Mitte,
den Splittern des Lebens jagt der Gedanke hinterher,
elektrische Impulse schließen sich kurz zu einer Bitte,
jedes Fragment der Wirrnis rast pausenlos verquer.
Übers Panoptikum neigt die Schwerkraft eine Hand,
sinkt die Schläfe in einen Pol aus ermüdender Ruhe,
leise schlüpft der Traum unters schwelende Gewand,
als wäre er seit jeher dort gebettet, mitten im Flusse.
Ein Gigant misst seinen Umfang am gedämpften Blau,
flackernde Lider eröffnen ein Auge jenseits der Nacht,
aufspritzend wie eine lachende Stimme im Morgentau,
die Vision stürzt erdwärts und das Mysterium erwacht.
Geister
Hockst du vor dem Café am Trafalgar Square
oder ein anderer?
unter der Farblosigkeit eines
wolkenverhangenen Nachmittags laufen
Leute über das Trottoir
zielstrebig mit geübter Nonchalance
jeder auf seinem eigenen Trip
zwanzig Grad überm Gefrierpunkt
gurrende Tauben und der Schädel
von einem Zwiespalt umkreist.
Am maroden Faden baumelt
dein Verstand seit frühen Jahren
an ausgestopften Tagen ohne Aufbegehren
vom Wissen geplagt, ein substanzloses Leben
über Programme und Rituale definiert
eine Tour auf Schienen
planmäßig die Enge durchmessend
Entgleisung als einzige Möglichkeit
ins Dasein auszubrechen
---------------------Zerbröckelung
der----------------------------------
----------------------------------------Person
"Ist der Platz noch frei?"
fragt eine Stimme aus nächster Nähe
und du hebst die Stirn
aufgeschreckt aus dem Befremden
und plötzlich - in den Gedanken des anderen -
findest du dich wieder, zweigeteilt mitten
im Niemandsland inmitten zweigeteilt.
Wunder über Wunder
Schäbiges Hotel, schmale Gassen
nur von weit, atemlose Geräusche
verlorener Stadt, das ewig dumpfe
Dröhnen, der ewig gleiche Klang
fast greifbar, und doch kein Teil von mir
als wäre ich in einer Höhle gefangen
seltsam mutet es mich an, den Kopf
gebettet wie auf steinernem Grund
Stätte längst vergangener Schläfer in
diesem, in sich schweigendem Zimmer.
Außerhalb meines Seins schreiten
die Rituale müder Schwärme voran
aus allen Wolken geholt, durch die
lähmende Kraft vorbestimmter Ziele
zum Zwang entartet, wie die sinnlose
Sinnsuche des empirischen Schädels
unentwegtes Ringen mit dem Paradox
an das Unerreichbare heranzureichen,
"Wunder über Wunder", denke ich mir
ich jedoch warte hier, hingestreckt wie
so oft, und habe noch keins gesehen.
Die Sünde
Im Petersdom hallt das Echo hoher Schuhe,
Bekenntnisse zur Frömmigkeit entweihend,
getrübt ist die Ehrfurcht vor devoter Ruhe,
polierter Göttlichkeit den Makel verleihend.
Lasst uns die katholischen Götzen umrunden,
indessen weißer Marmor das Wesen betört,
historische Zeiten den Augenblick stunden,
obwohl lautes Geklapper die Andachten stört.
Trotz des Klamauks wird die Stille gepriesen,
ein empörtes Raunen erhebt sich im Verein,
Dulzinea auf Stelzen des Schiffes verwiesen,
erfreuen wir uns weiter am heiligen Schein.
Ein Begehren folgt der Störung hintendrein,
als hätte die Purität ihren Zauber verloren,
nun schlurfen die Sohlen über erkalteten Stein,
dumpfer Widerklang, der Bedeutung enthoben.