Ins Ungewisse/Roman

Feuer und Flamme, kam Loredana über den Teppich gerauscht, eine elegante, barfüßige Erscheinung in kurzem, eng anliegendem Rock, seidener, ärmelloser Bluse, wehenden Haaren.

„Und, wie ist es ausgegangen?“, fragte sie, noch bevor er die Tür hinter sich ins Schloss hatte fallen lassen.

Gemächlich zog er seine staubigen, abgelatschten Schuhe aus, die Spannung wuchs über ihre Köpfe hinaus und entzündete die Atmosphäre.

„Nun sag schon!“

„Bin zum Essen eingeladen, Freitagabend, mit dem großen Boss. Guter Kumpel vom Papst übrigens.“

„O dio mio!“, entfuhr es Loredana begeistert. „Weißt du, was das bedeutet!“

„Ne, keine Ahnung. Du etwa?“

„Stell dich nicht so an. Das kann dir alle Türen und Tore öffnen.“

„Dann geh du doch hin.“

„Ah si, so also ist das!“

Die Zimmertemperatur fiel um etliche Grad. Ein gewichtiges Schweigen türmte sich auf, als Loredana die chinesische Mauer zwischen ihnen errichtete, Schießscharten inklusive.

„Was soll ich denn sagen!“, rief sie rhetorisch, das Geschehen an sich reißend. „Glaubst du etwa, mir mache es Spaß, mich Nacht für Nacht vor fremden Kerlen auszuziehen und angrabschen zu lassen?!“

„Angrabschen? Seit wann denn das?!“

Sie verdrehte die Augen. „Dachtest du wirklich, ich werde nur dafür bezahlt, mit meinem Arsch und meinen Titten zu wackeln? Ich muss die Kunden zum Trinken animieren, darum geht´s in dem Laden!“

Loredana zeigte ihm die kalte Schulter, ging zum Fenster und schaute demonstrativ auf eine wettergegerbte Hauswand. Er hatte überhaupt kein Recht, so eine Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen:

„Will man es in Italien zu etwas bringen, muss man die richtigen Beziehungen haben. Ohne Kontakte schaffst du´s nie.“

 

Sie saßen neben einem 1000-Liter-Aquarium, die Hummer starrten ahnungslos vor sich hin; oder ahnten sie etwas? Die Gegenwart des verkrampften Sekretärs und Peluccis vornehmes Gebaren verliehen dem Treffen einen geschäftsmäßigen Charakter. Walters Skepsis mochte unbegründet sein, auf Grund sinken, Wrackvorstellung seiner Phantasie.

Kaum hatte er den letzten Bissen kulinarischer Raritäten hinuntergeschluckt, mit süffigem Rotwein nachgespült, kam es zum befürchteten Show-down.

„Den Kaffee können wir ebenso gut im Büro trinken“, gab Pelucci zu verstehen. „Liegt ja auf einem Weg.“

Betreten sah Walter auf die Uhr, es war kurz nach zehn.

„Na komm schon“, ereiferte sich der Sekretär, um das Unerquickliche an Walters Zögern zu kaschieren. „Stoß uns nicht vor den Kopf. Auf uns wartet noch ein wenig Arbeit, Unterlagen und so.“

„Brauchst ja nicht lange zu bleiben“, fügte der Chef hinzu.

„Tja, eigentlich …“

„Nur auf einen Kaffee. Mehr nicht.“

Die Fahrt mit dem Auto von Trastevere zur Via Barberini verlief unter einem Teppich des Schweigens. Das Geschäftshaus lag verlassen, kein einziges der hohen Fenster war erleuchtet; alle Indizien deuteten auf eine Fortsetzung der haarsträubenden Farce hin. Das Bibliothekszimmer, das die Dreiergruppe wenig später betrat, ächzte unter hoch bepackten Bücherregalen; es verfügte über einen Sessel, ein Sofa und einen Fernsehapparat, darüber hinaus eine Minibar, gefüllt mit teuren Tropfen.

Der Sekretär, der Espresso und Gebäck servierte, wandte sich schelmisch an seinen Herrn: „Ich geh dann mal rüber und sehe mir die, äh, die Unterlagen an.“

Pelucci erwiderte, gleichermaßen unglaubwürdig, das sei völlig in Ordnung, er solle nur machen. Und dann an den Gast adressiert: „Die Arbeit, hehe, ständig ist irgendwas Wichtiges zu erledigen.“

Hastig griff Walter nach der Espressotasse, gurgelte einen großen Schluck in sich hinein und verbrühte seinen Schlund. Indessen fummelte Pelucci mit einer Fernbedienung herum, schaltete zuerst den Fernseher und gleich darauf einen DVD-Player ein; Sekunden später färbte ein aquariumhelles Bild den Raum bläulich. Pelucci bediente eine weitere Taste, prompt ließ ein Postbote die Hosen runter und legte sich über eine schmachtende Blondine. Er vergrub sein Gesicht zwischen ihre Schenkel, während sein harter Bolzen in ihrem kirschroten Mund verschwand. Ohne lange Umschweife holte Pelucci sein eigenes bescheidenes Gerät heraus und fing zu rubbeln an, was das Zeug hielt.

 

 

 

Das Kuckucksei-Syndrom/Satire

Hildegard Bürstensteif hegte nicht den geringsten Zweifel, dass ein verachtenswerter Unhold sie gekidnappt hätte, um einerseits Bargeld zu erpressen und andererseits sein Opfer sexuell gefügig zu machen. Letzteres mit Hilfe von Hypnose oder durch Verabreichung harter Drogen, denn nur so ließ sich erklären, weshalb der Hergang des abscheulichen Verbrechens aus ihrer Erinnerung getilgt war. Und einzig ihrer eisernen Willenskraft und ihrem spontanen Einfallsreichtum - man denke bloß an den falschen Bart! - wäre es zu verdanken gewesen, dass sie am helllichten Tag jenem lüsternen Entführer entkommen konnte. Zu welchen Gräueltaten ein Mann befähigt war, das hatte sie vor etlichen Jahren am eigenen Leib erfahren müssen; ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein Anflug von weiblicher Schwäche, und - schwupps - hatte sie auf der Matratze gelegen, und es war um ihre Ehre geschehen gewesen. Diese Schande, diese unerträgliche Schmach, noch heute schauderte ihr bei der Erinnerung an den groß gewachsenen unbekannten Herrn, noch immer verpestete der Modergeruch des Gewölbes ihre Träume. Neun Monate später war das Ergebnis dieses unseligen Tete-a-tetes zur Welt gekommen, der Hannes! Zu keiner Zeit hat sie daran gezweifelt, dass der Junge den Keim der Verderbtheit zwangsläufig in sich trug, die jüngsten Geschehnisse hätten es eindeutig unter Beweis gestellt: mit praller Hose war er durch die Straßen der Innenstadt gehechelt, diesem raffinierten, blond gelockten Weibsbild hinterher. O ja, Hildegard hatte es längst kommen sehen, irgendwann müsse die wahre Natur des Burschen aus ihm herausbrechen wie aus einem Kuckucksei, um das zu bestätigen, was sie am meisten verachtete, nämlich die Macht der Triebe. Nicht ohne Grund hatte es gegolten, diesen Keim in Hannes zu ersticken, seine Geschicke zu lenken und den Willen des Jungen hintan zu halten. Bedauerlicherweise aber hatte sie versagt, waren ihre guten Absichten über das Ziel hinausgeschossen. Auch ihr Hannes hatte sich zu einem vulgären, hormongesteuerten Liederjan entwickelt, einem Mannsbild von närrischem Gehabe auf der Jagd nach sinnlichen Genüssen. Dabei hatte sie sich immerzu aufrichtig bemüht, einen zweiten Karl Johann zu erschaffen, indem sie das Andenken an ihren verstorbenen Gatten bedingungslos ehrte, denn sie wollte Wiedergutmachung leisten, sehnte sich danach, den einzigen Fehltritt ihres Lebens auszumerzen. Das Schicksal aber hatte sie betrogen, weil sie für den eigenen Betrug ebendieses Schicksal nicht verantwortlich machen konnte. In ihrem Streben nach Keuschheit als einzigen Heilsweg war sie zur Teufelsaustreiberin geworden, eine Exorzistin, die in Wahrheit selbst die Besessene war, besessen von einer Schuld, die keine Möglichkeit auf Sühne zuließ. Hannes war zur Inkarnation ihrer Sünde herangewachsen, zum wiederkehrenden Fluch und ahnungslosen Auslöser ihrer Ohnmacht.  

 

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W-E-L-T/Thriller

Das eigentlich Furchtbare aber war das Fehlen optischer Markierungen, Haltepunkte, welche eine Möglichkeit zur Orientierung gewährleistet hätten. Wohin das Auge auch reichte, überall wucherte die Daseinslosigkeit in Gestalt einer ewigen Nacht. Lebenstüchtige Konstrukte der Phantasie hätten diesen endlosen Urstoff füllen und Illusionen erschaffen können, an denen der Mensch sich hätte binden dürfen, um nicht aus dem Rahmen der „Konformität" zu fallen, um nicht in diesem seelenlosen Niemandsland zu enden. Lieber Gott erbarme dich meiner!

  Und es wurde Licht! Wolken wälzten sich gen Norden, der Bahnsteig entrollte seine betonierte Gegenständlichkeit zu beider Seiten, Geschehnisse fegten übers Land, ahnungslose Menschen traten zurück auf den Plan eines verwirrten Schöpfers.

  „Bitte treten Sie zurück, die Türen schließen automatisch!"

  Im Überschwang seiner Dankbarkeit hätte er am Liebsten Worte des Glücks ausgerufen, oder dem erstbesten Passanten die Hand gereicht. Die Welt, die Illusion von einer Welt war wieder vorhanden, sie umgab ihn als komplexer, lückenloser Ereignishorizont, sie bettete ihn ein mit ihrem Wirken und ständigem Wandel, verwob sein Leben in einen mannigfaltigen Lauf der Ereignisse. Im Lichte der wiederauferstandenen Erde nahm die verinnerlichte Frage nach dem Sinn des Daseins sinnlose Formen an. Nie wieder wollte er Zweck und Ziel seines Vorhandenseins auf den Grund gehen, nie wieder seinen Bewusstseinszustand hinterfragen. Denn tief verborgen in den bizarren Windungen und Tunneln seines Gehirns lauerte die Antwort.

  Der Schaffner hob eine Trillerpfeife an den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus; Tom löste sich aus der körperlichen Starre und hüpfte hinaus auf die Plattform. Die erhebliche Geräuschkulisse, der chaotische Trubel, die Menschentrauben an den Bahnsteigen zeugten von einer urbanen Dynamik. Am Ende des Perrons trug eine Rolltreppe seine Überraschung zurück an die Oberfläche - den Schauplatz seiner Befindlichkeiten, die Stadt Kopenhagen. Er war nie fort gewesen, er war nie angekommen.