Ins Ungewisse-Roman, Tordenfjord Verlag

Es regnete und regnete, schwere Tropfen prasselten aufs Autodach, unter ihm sirrten die Reifen über glänzenden Asphalt, die Scheibenwischer schlugen quietschend einen monotonen Takt. Mit jedem zurückgelegten Kilometer stieg unterschwellig seine Nervosität. Walter versuchte sich einzureden, er sei ein stinknormaler Zwanzigjähriger, der in einem gemieteten Datzun eine Spazierfahrt nach Hamburg unternahm. Doch fortwährend spielten seine Nerven ihm einen Streich, permanent kehrten die Gedanken an den heiklen Ausgangspunkt zurück. Drei Kilo Haschisch der Marke ´gelber Afghane´, notdürftig verstaut unter dem Reserverad.
  Im Nachtfall gelangte er an den Grenzübergang, eine Schranke versperrte den Weg. Ein bärtiger Beamter hob gelangweilt die Stirn, öffnete das Schiebefenster des Zollhäuschens. Eine fleischige Hand schaute hervor und forderte seine Papiere. "Moment!"
  Der Mann zog den Nacken ein, sputete sich durch den Dauerregen zu einem Pavillon, ein flacher Baukasten, dessen Glasfassade fluoreszierend grell erleuchtet war. Hinter der Fensterfront spielte sich eine unheilvolle Szene ab: unter der Observation zweier Uniformierter musste ein langhaariger Biker zu Kreuze kriechen. Er entleerte den Inhalt seines Rucksacks auf einem Tresen, händigte den ermittelnden Zöllnern Motorradhelm und schwarze Lederjacke aus. Mutierte vom Easy Rider zum schlotternden Hampelmann. Die Minuten verstrichen, im Auto roch es unangenehm synthetisch. Walter nahm schuldbewusst die eigenen Atemzüge wahr, ein Gefühl von Bedeutungsschwere drängte sich auf. Aus seiner Zuversicht lösten sich ganze Konstellationen und erloschen.
  Mit aktivierter Wachsamkeit kehrte der Zollbeamte zurück, den Bart angriffslustig gesträubt, seine autoritäre Stimmlage verhieß nichts Gutes: "Fahren Sie mal rechts rüber, und dann steigen Sie aus und kommen mit rein."
  Walter parkte unter dem blendenden Lichtkegel einer Straβenlaterne, löste sich ungewollt aus der sicheren Umklammerung des Autositzes. Aberdutzende Regentropfen zerplatzten auf seiner Schädeldecke.
  "Haben Sie Gepäck dabei?", wollte er in Erfahrung bringen.
  Walter öffnete den Kofferraum, lüpfte seine Reisetasche und folgte dem voraus stapfenden Grenzer in einen Raum, dessen karge Einrichtung sich jeder Gemütlichkeit verweigerte. Unmittelbar darauf stand er gehorsam neben dem gerupften Biker, kein Lächeln entzog sich seinen Wangen. Auf der anderen Seite des Tresens gebärdete sich der Beamte, durchwühlte systematisch das Gepäck, befühlte kritisch jede Socke. Wohin wollen Sie? Für wie lange? Zu welchem Zweck? Beim Aufsagen seiner Lügendichtung geriet Walter ins Stocken; sein Widersacher runzelte skeptisch die Stirn und nahm Witterung auf.
  "Warten Sie hier!" Seine Worte durchschnitten die Luft. "Thomas, komm mal mit nach draußen!"
  Walters Brustkasten zog sich zusammen, das Blut pochte in seinen Ohren. Er warf einen verstohlenen Blick über seine Schulter und registrierte, wie die Zöllner im Stechschritt, Seite an Seite zum Mietwagen marschierten. Zu allem Unheil hatte der Regen an Stärke verloren, unter den gegebenen Umständen ein schlechtes Omen; seinetwegen hätte es eimerweise auf die Schnüffler herabschütten sollen. Aus trotziger Verzweiflung packte er Kleidungsstücke und Toilettenartikel zurück in die Reisetasche, bemühte sich, seine Ängste (wie seine Klamotten) unter Verschluss zu bringen.
  Es dauerte nicht lange, da pfiff der Biker verblüfft durch seine schiefen Zähne. "Alter, o Mann! Die haben dich voll am Arsch!"
  Sein Herz hämmerte wie ein Pressluftbohrer, die uniformierten Männer packten zu, ketteten seine Arme in einem grotesken Winkel aneinander.
  "Das gibt mindestens zwei Jahre", hänselte sein Inquisitor, als die Stahlschellen einrasteten.
  "Mindestens", tönte sein begeisterter Kollege.

  

 

 

Das Kuckucksei-Syndrom, Tordenfjord Verlag

Hildegard Bürstensteif hegte nicht den geringsten Zweifel, dass ein verachtenswerter Unhold sie gekidnappt hätte, um einerseits Bargeld zu erpressen und andererseits sein Opfer sexuell gefügig zu machen. Letzteres mit Hilfe von Hypnose oder durch Verabreichung harter Drogen, denn nur so ließ sich erklären, weshalb der Hergang des abscheulichen Verbrechens aus ihrer Erinnerung getilgt war. Und einzig ihrer eisernen Willenskraft und ihrem spontanen Einfallsreichtum - man denke bloß an den falschen Bart! - wäre es zu verdanken gewesen, dass sie am helllichten Tag jenem lüsternen Entführer entkommen konnte. Zu welchen Gräueltaten ein Mann befähigt war, das hatte sie vor etlichen Jahren am eigenen Leib erfahren müssen; ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein Anflug von weiblicher Schwäche, und - schwupps - hatte sie auf der Matratze gelegen, und es war um ihre Ehre geschehen gewesen. Diese Schande, diese unerträgliche Schmach, noch heute schauderte ihr bei der Erinnerung an den groß gewachsenen unbekannten Herrn, noch immer verpestete der Modergeruch des Gewölbes ihre Träume. Neun Monate später war das Ergebnis dieses unseligen Tete-a-tetes zur Welt gekommen, der Hannes! Zu keiner Zeit hat sie daran gezweifelt, dass der Junge den Keim der Verderbtheit zwangsläufig in sich trug, die jüngsten Geschehnisse hätten es eindeutig unter Beweis gestellt: mit praller Hose war er durch die Straßen der Innenstadt gehechelt, diesem raffinierten, blond gelockten Weibsbild hinterher. O ja, Hildegard hatte es längst kommen sehen, irgendwann müsse die wahre Natur des Burschen aus ihm herausbrechen wie aus einem Kuckucksei, um das zu bestätigen, was sie am meisten verachtete, nämlich die Macht der Triebe. Nicht ohne Grund hatte es gegolten, diesen Keim in Hannes zu ersticken, seine Geschicke zu lenken und den Willen des Jungen hintan zu halten. Bedauerlicherweise aber hatte sie versagt, waren ihre guten Absichten über das Ziel hinausgeschossen. Auch ihr Hannes hatte sich zu einem vulgären, hormongesteuerten Liederjan entwickelt, einem Mannsbild von närrischem Gehabe auf der Jagd nach sinnlichen Genüssen. Dabei hatte sie sich immerzu aufrichtig bemüht, einen zweiten Karl Johann zu erschaffen, indem sie das Andenken an ihren verstorbenen Gatten bedingungslos ehrte, denn sie wollte Wiedergutmachung leisten, sehnte sich danach, den einzigen Fehltritt ihres Lebens auszumerzen. Das Schicksal aber hatte sie betrogen, weil sie für den eigenen Betrug ebendieses Schicksal nicht verantwortlich machen konnte. In ihrem Streben nach Keuschheit als einzigen Heilsweg war sie zur Teufelsaustreiberin geworden, eine Exorzistin, die in Wahrheit selbst die Besessene war, besessen von einer Schuld, die keine Möglichkeit auf Sühne zuließ. Hannes war zur Inkarnation ihrer Sünde herangewachsen, zum wiederkehrenden Fluch und ahnungslosen Auslöser ihrer Ohnmacht.  

 

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W-e-l-t/Thriller (erscheint 2010)

Das eigentlich Furchtbare aber war das Fehlen optischer Markierungen, Haltepunkte, welche eine Möglichkeit zur Orientierung gewährleistet hätten. Wohin das Auge auch reichte, überall wucherte die Daseinslosigkeit in Gestalt einer ewigen Nacht. Lebenstüchtige Konstrukte der Phantasie hätten diesen endlosen Urstoff füllen und Illusionen erschaffen können, an denen der Mensch sich hätte binden dürfen, um nicht aus dem Rahmen der „Konformität" zu fallen, um nicht in diesem seelenlosen Niemandsland zu enden. Lieber Gott erbarme dich meiner!

  Und es wurde Licht! Wolken wälzten sich gen Norden, der Bahnsteig entrollte seine betonierte Gegenständlichkeit zu beider Seiten, Geschehnisse fegten übers Land, ahnungslose Menschen traten zurück auf den Plan eines verwirrten Schöpfers.

  „Bitte treten Sie zurück, die Türen schließen automatisch!"

  Im Überschwang seiner Dankbarkeit hätte er am Liebsten Worte des Glücks ausgerufen, oder dem erstbesten Passanten die Hand gereicht. Die Welt, die Illusion von einer Welt war wieder vorhanden, sie umgab ihn als komplexer, lückenloser Ereignishorizont, sie bettete ihn ein mit ihrem Wirken und ständigem Wandel, verwob sein Leben in einen mannigfaltigen Lauf der Ereignisse. Im Lichte der wiederauferstandenen Erde nahm die verinnerlichte Frage nach dem Sinn des Daseins sinnlose Formen an. Nie wieder wollte er Zweck und Ziel seines Vorhandenseins auf den Grund gehen, nie wieder seinen Bewusstseinszustand hinterfragen. Denn tief verborgen in den bizarren Windungen und Tunneln seines Gehirns lauerte die Antwort.

  Der Schaffner hob eine Trillerpfeife an den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus; Tom löste sich aus der körperlichen Starre und hüpfte hinaus auf die Plattform. Die erhebliche Geräuschkulisse, der chaotische Trubel, die Menschentrauben an den Bahnsteigen zeugten von einer urbanen Dynamik. Am Ende des Perrons trug eine Rolltreppe seine Überraschung zurück an die Oberfläche - den Schauplatz seiner Befindlichkeiten, die Stadt Kopenhagen. Er war nie fort gewesen, er war nie angekommen.

 

 

 

Das Furchtbare Faultier (Der Badewannenschrat)

Gemeinsam heckten sie einen Schlachtplan aus, den sie ´Faultier-vergraul-mir´ nannten.

  "Wir müssen alles tun, damit das Faultier freiwillig Leine zieht", hielt Didi fest. "Das Beste wird sein, so viel Krach zu veranstalten, dass dieses Monstrum kein Auge mehr zu tun kann. Außerdem muss dein Kühlschrank in der nächsten Zeit vollständig leer bleiben, damit es mit der maßlosen Fresserei ebenso ein Ende hat. Ich denke, es wird sich dann früher oder später aus dem Staube machen und es bei einem anderen Schwachkopf versuchen."

  Die Worte verletzten Herrn Michel gar sehr. "Woher weißt du eigentlich so viel über diese Untiere?", fragte er in bohrendem Tonfall.

  Didi erötete bis über beide Ohren. "Ich habe mich selbst einmal von einem reinlegen lassen." Und daraufhin hatte er es plötzlich ausgesprochen eilig, auf dem Absatz kehrt zu machen und das Weite zu suchen!

  "Lass das Faultier nie aus den Augen", sagte er zum Abschied, ehe er ungestüm das Haus verließ, und nie mehr gesehen wurde.

 

In den kommenden Nächten hörte Herr Michel nervenzerfetzende, orchestrale Musik, die wie ein wütendes Gewitter durch sämtliche Räume seiner Behausung schallte; dazu stampfte er kräftig mit den Füßen und schlug scheppernd auf Kochtöpfen den Takt. Natürlich ging die Tortur des Gehörfells auch an ihm nicht spurlos vorbei, ebenso wenig wie die schlaflosen Tage und Nächte. Dunkle Säcke bildeten sich unter seinen glotzenden Augen; in ihrer Farbe erinnerte seine knittrige Gesichtshaut an einen holländischen Käse; und sein Gemütszustand war am ehesten mit einem vollgesogenen Schwamm zu vergleichen, den es langsam, aber unaufhaltsam in die Tiefe zog. Das wirklich Einzige aber, was ihn noch aufrecht zu halten vermochte, war der tröstliche Anblick des furchtbaren Faultiers, dem es körperlich mindestens so miserabel ging wie ihm selbst. Da sich im ganzen Haus keine Lebensmittel mehr befanden, hing sein gestreiftes Fell schlotternd an den Knochen herab, flatterte wie ein alter Bettvorleger im Staubsaugerwind.

  "Müde! Hunger!", protestierte das Tier mit schwächer werdender Stimme. 

  "Mir fehlt halt das Geld zum Einkaufen", erklärte Herr Michel, der standhaft blieb und mit letzter Kraft an dem desperaten Plan ´Faultier-vergraul-mir´ festhielt, obschon sein eigener Magen wie ein spotzender Rasenmäher rumorte.

  Am fünften Tag war es tatsächlich soweit: Ausgehungert, übernächtigt, lärmgebeutelt hisste der betrügerische Vierbeiner die weiße Fahne, schleppte sich zur Wohnungstür, die Herr Michel mit triumphaler Geste für ihn öffnete. Der Abgesandte der Finsternis kroch griesgrämig, mit hängenden Schultern auf die Straße hinaus, den schlaffen Schlotterpelz hinter sich her ziehend ...