W-E-L-T/Thriller
Die Dame aus Valby lag einem Walross ähnelnd auf dem Operationstisch, die ´Niere´ schlurfte eine Tasse heiße Kakaomilch in der Cafeteria, und Kenneth schlüpfte unbemerkt vom Rest der Welt ins sturmfreie Krankenzimmer. Unter Svetlanas makaber zugerichtetem Äußeren vermutete er die Erfüllung seiner erotischen Phantasien, ihr momentanes Unvermögen, komplett-verständliche Sätze zu formulieren, übte einen unwiderstehlichen Reiz auf seine Libido aus. Zum Beschützerinstinkt gesellte sich ein maskuliner, selbstherrlicher Besitzanspruch und nährte den Glauben an ein Arrangement zu seinen Gunsten. Elektrisierende Triebe fütterten seinen Schädel mit Impulsen, seine Vorstellungskraft schnürte ein magisches Paket, das verheißungsvoll unter dem Tannenbaum lag: Svetlana.
Die Realität hingegen spielte seinem Wunschdenken einen kuriosen Streich, irgendetwas raubte der dargebotenen Szene seine magische Note. Die gebogenen Metallschrauben, die anstelle des Maulkorbs aus ihren Wangen ragten, wirkten zu gleichen Teilen lusthemmend und außerordentlich verstörend. Andererseits stand Svetlana unter dem Einfluss schmerzstillender Opiate, ans Bett genagelt durch ein pharmazeutisch generiertes Delirium.
Sein Herz schlug höher. Vom Fußende ausgehend, schob er ihre Zudecke die Beine aufwärts bis zur Bauchgegend, dieselbe Prozedur wiederholte er mit ihrem Nachthemd, sodass ein türkisfarbener Slip und die Vertiefung ihres Bauchnabels zum Vorschein kamen. Nunmehr war ihr verunstaltetes Gesicht hinter einem aufgeworfenen Textilwall verborgen. Er zwängte seine Finger unter den elastischen Saum ihrer Unterhose und ließ sie mit einer raschen Abwärtsbewegung über ihre Beine gleiten. Da war sie, schamlippenumkränzt, magisch und verpönt, verboten und gekrönt von einem Dreieck dunkelblonder Haare. Zwei straffe Oberschenkel wiesen den Weg, genießerisch schob er Svetlanas Beine auseinander und tauchte hinab in den wärmenden Schoß. Seine Zungenspitze leckte über das purpurfarbene Fleisch, schmeckte einen Cocktail aus Schweiß, Sekret und Urin. Er vergaß die Welt im Allgemeinen und das Krankenhaus im Besonderen und verschaffte seiner pochenden Erektion den erforderlichen Freiraum.
Sie waren ganz allein, ihre deliziöse Vagina und er, eine Extase ohnegleichen.
Aus heiterem Himmel flog die Tür auf, bärenhaft und breitbeinig, die Fäuste zu Schraubstöcken geballt, stampfte ein kurios gekleideter Mann über die Schwelle. Svetlanas Tau tropfte von Kenneths Nase, als er erschrocken den Kopf hochriss und seinem Untergang ins Auge blickte.
„Was zum Teufel machst da, du Dreckschwein!“, rief Freddy im Bemühen, seinem Fassungsvermögen auf die Sprünge zu helfen. Ungläubig starrte er auf das sabbernde Spektakel.
„Ich werd nicht mehr! Was geht in diesem Scheißkrankenhaus vor sich?!!“
Aufgeschreckt sprang Kenneth auf die Beine, sein Penis federte verräterisch im Zimmer auf und ab; jeder Erklärungsversuch war zum Scheitern bestimmt.
Dennoch setzte er zu einer kläglichen Rechtfertigung an: „Es geht darum, dem Patienten, ähm, eine bestmögliche Entspannungshilfe zu bieten, ja, deshalb hat Svetlana mir, ähm, im gegenseitigen Einvernehmen versteht sich, hat mir die Erlaubnis... “
Den Schädel senkend, hechtete Freddy wie ein Rammbock über das Bett und torpedierte mit aller Macht Kenneth Brustkasten. Ein irrer Ballettmeister inszenierte eine Abfolge von brachialer Gewalt, als zuerst der Nachttisch scheppernd unter Kenneth Oberkörper zerbarst, woraufhin Freddy eine halbe Drehung vollzog und den Heizkörper knirschend aus der Verankerung riss.
„ICH MACH DICH FERTIG!“, schrie er außer sich vor Zorn. „DU BIST HAIFISCHFUTTER, ALTER! ICH REISS DIR DEN ARSCH AUF!“
„Freddy?“, stöhnte Svetlana tablettenumnebelt. Die Verschraubungen in ihrem Kiefer spalteten peinigend das Nervengewebe - niemand nahm Notiz von ihrem Leiden.
Vom Adrenalinschub hochgepeitscht, gab Freddy erneut Vollgas: er umfasste Kenneths Schädel und hämmerte ihn wieder und wieder gegen die Zimmerwand, bis ein roter Fleck das Aufbrechen seiner Kalotte signalisierte.
„DA HAST DU´S!“
Als Nächstes zersprang die Fensterscheibe zu tausend funkelnden Kristallen, Kenneth lebloser Körper flatterte aus dem zweiten Stock des Krankenhauses und landete inmitten einer idyllischen Insel aus Brombeergesträuch. Eine Woge voll tosendem Schmerz überschwemmte ihn, angsterfüllt dachte er an seinen abgerissenen Penis. Dann verlor er das Bewusstsein und seine Wesenheit überantwortete sich einer undenkbaren Nichtexistenz.
Ins Ungewisse/Roman
Die konspiratorische Frage kam von der Hakennase, die sich zu ihm an den Tisch gesellt hatte: „Na Alter, schon mal gekifft?“
Geheimnisumwitterte Pfade, die von der breitspurigen Normalität abwichen, gar zu gesellschaftlicher Ächtung führten, schlug er traumwandlerisch ein.
„Klar“, log Walter, nahm den Joint entgegen und begann beiläufig zu inhalieren.
Dichte Rauchschwaden schwebten über den Tischen, in den Regalen schimmerndes Neonlicht auf bunten Flaschen, palavernde Leute wohin das Ohr horchte; ein Ausruf, der das niederprasselnde Geschnatter durchstieß: „Tiiiief einaatmeeen!“
Seine Backen blähten sich, die Lungenflügel drohten zu zerplatzen, ein Moment ging aus einem anderen Moment hervor ... unversehens ergriff etwas Eigenartiges von ihm Besitz, eine Veränderung umschloss die Herzkammer seines Bewusstseins.
Bilderschwälle, wie Milch gerinnend, verlangsamte Impulse, umgestülpte Dimensionen - elastischer Geräuscheschwamm, überquillendes Gedröhn, schallende pulsierende Klänge, wogende, brummende Bässe - hypnotisierendes Wummern, geballtes Brodeln und Gebrause, helles Gläserklirren, stumpfe Töne - gläserne Helligkeit, koboldhaftes Frauenlachen, Gerede zerredet, herrenlose Stimmen, murmelndes Gemurmel - und dann noch etwas (?) ... etwas darüber hinaus, eine Verlautbarung, ein Insistieren unbekannten Ursprungs, drang auf ihn ein, ineinander ruhende Fragmente, Ahnungen, Vernetzungen - Fremdes vertraute sich, fand Zugang, Repetition einer akustischen Struktur: „Waaheiiss-d-du-uu-wiiehh-spääät-t-sss-issss?“
Vor seiner Stirn materialisierte sich eine Gestalt aus der Vielfalt, wuchs überraschend buchstäblich in die Höhe, am oberen Ende schaukelte ein grell geschminktes Clownsgesicht. Äonen ohne Anfang verstrichen, ehe er auf seiner Armbanduhr die Zeit abgelesen und in zähen Tönen verkündet hatte. Verkündet! Seine Stimme klang, als stiege sie leiernd aus seiner tiefsten Mitte empor. Die Züge verzerrt, das Grinsen erstarrt, bedankte sich das skurrile Dingsbums und entschwand auf unerforschlichen Pfaden, weit jenseits des Ereignishorizonts.
Da bemerkte er, am Rande seiner Fiebrigkeit, dass der Raum gespickt war mit hundert Pupillen. Äugende Augen im Kaleidoskop, ein Meer von Blicken, durchdringende, spöttische, verwunderte Blicke. Das Auge der Zeit, weit aufgerissen, zugleich verwoben mit dem ewigen Strom. Gezeiten, schwerlastend, in wiederkehrende Schleifen gebannt, mittendrin ein explodierendes Gelächter:
„HEHEHE, GANZ SCHÖN BREIT, WAS ALTER!?“
Hakennase fletschte die Zähne, ihre Hakennase wurde noch hakiger. Walter beabsichtigte, verneinend den umwölkten Kopf zu schütteln, doch die Intention verpuffte im Ansatz der Bemühung. Wirre Empfindungen quollen losgelöst aus seinem Schädel, projizierten sich auf das Phänomen der Wahrnehmung; er hockte da, aufgrund des Dahockens magnetisch an den Stuhl gefesselt.
Zu fortgeschrittenem Zeitpunkt, als die Reihen der Gäste sich lichteten, spähte sein ICH (Persönlichkeit? Image? Gedankengut?) aus dem Muster der Denkimpulse hervor, automatisch verliefen Reaktionsvermögen und Reflexionsfähigkeit in unbewussteren Bahnen. Er kam aus dem Staunen wieder heraus, sah sich imstande, aller Schwerkraft zuwider, die hermetische Starre abzuschütteln.
Sein Tischnachbar, von aufwallender Inbrunst beseelt, ließ derweilen Folgendes verlauten: „Siehste die beiden Perlen dort drüben? Die kenne ich! Richtige Zuckerpüppchen.“
Seite an Seite saßen zwei Mädels auf hohen Hockern an der Bartheke, vor ihnen schlanke Gläser mit bläulich glühender Flüssigkeit. Blondierte Locken hüben, rotschimmernde Mähne drüben, aufmunterndes Mienenspiel, von lasziven Gesten begleitet. Hakennase gab Zeichen! Heißlaufende Gedanken, Frühlingsgefühle, Gerangel am Tisch!
Das Kuckucksei-Syndrom/Satire
Hildegard Bürstensteif hegte nicht den geringsten Zweifel, dass ein verachtenswerter Unhold sie gekidnappt hätte, um einerseits Bargeld zu erpressen und andererseits sein Opfer sexuell gefügig zu machen. Letzteres mit Hilfe von Hypnose oder durch Verabreichung harter Drogen, denn nur so ließ sich erklären, weshalb der Hergang des abscheulichen Verbrechens aus ihrer Erinnerung getilgt war. Und einzig ihrer eisernen Willenskraft und ihrem spontanen Einfallsreichtum - man denke bloß an den falschen Bart! - wäre es zu verdanken gewesen, dass sie am helllichten Tag jenem lüsternen Entführer entkommen konnte. Zu welchen Gräueltaten ein Mann befähigt war, das hatte sie vor etlichen Jahren am eigenen Leib erfahren müssen; ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein Anflug von weiblicher Schwäche, und - schwupps - hatte sie auf der Matratze gelegen, und es war um ihre Ehre geschehen gewesen. Diese Schande, diese unerträgliche Schmach, noch heute schauderte ihr bei der Erinnerung an den groß gewachsenen unbekannten Herrn, noch immer verpestete der Modergeruch des Gewölbes ihre Träume. Neun Monate später war das Ergebnis dieses unseligen Tete-a-tetes zur Welt gekommen, der Hannes! Zu keiner Zeit hat sie daran gezweifelt, dass der Junge den Keim der Verderbtheit zwangsläufig in sich trug, die jüngsten Geschehnisse hätten es eindeutig unter Beweis gestellt: mit praller Hose war er durch die Straßen der Innenstadt gehechelt, diesem raffinierten, blond gelockten Weibsbild hinterher. O ja, Hildegard hatte es längst kommen sehen, irgendwann müsse die wahre Natur des Burschen aus ihm herausbrechen wie aus einem Kuckucksei, um das zu bestätigen, was sie am meisten verachtete, nämlich die Macht der Triebe. Nicht ohne Grund hatte es gegolten, diesen Keim in Hannes zu ersticken, seine Geschicke zu lenken und den Willen des Jungen hintan zu halten. Bedauerlicherweise aber hatte sie versagt, waren ihre guten Absichten über das Ziel hinausgeschossen. Auch ihr Hannes hatte sich zu einem vulgären, hormongesteuerten Liederjan entwickelt, einem Mannsbild von närrischem Gehabe auf der Jagd nach sinnlichen Genüssen. Dabei hatte sie sich immerzu aufrichtig bemüht, einen zweiten Karl Johann zu erschaffen, indem sie das Andenken an ihren verstorbenen Gatten bedingungslos ehrte, denn sie wollte Wiedergutmachung leisten, sehnte sich danach, den einzigen Fehltritt ihres Lebens auszumerzen. Das Schicksal aber hatte sie betrogen, weil sie für den eigenen Betrug ebendieses Schicksal nicht verantwortlich machen konnte. In ihrem Streben nach Keuschheit als einzigen Heilsweg war sie zur Teufelsaustreiberin geworden, eine Exorzistin, die in Wahrheit selbst die Besessene war, besessen von einer Schuld, die keine Möglichkeit auf Sühne zuließ. Hannes war zur Inkarnation ihrer Sünde herangewachsen, zum wiederkehrenden Fluch und ahnungslosen Auslöser ihrer Ohnmacht.
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